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Orchidee im Garten

Anfang Mai 2025: 8-jährige Orchidee (Mitte) und drei (vorne rechts) die erst dies Jahr zum ersten Mal blühen.
Anfang Mai 2025: 8-jährige Orchidee (Mitte) und drei (vorne rechts) die erst dies Jahr zum ersten Mal blühen.

2017 war ich freudig überrascht, dass sich eine neue Pflanze in meinem Garten angesiedelt hat. Sie fiel mir auf, weil sie recht schnell wuchs und anders aussah, als die anderen Pflanzen in der Wiese, die mal als Rasen gedacht war. Also habe ich immer sorgfältig darum herum gemäht, weil ich gespannt war, was denn daraus würde. Auf den ersten Blick unscheinbar und einfach grün, entpuppte sie sich als Orchidee, genau genommen eine Bocks-Riemenzunge, auch Bocksorchis genannt. Ihren Namen hat sie u.a., weil ihr „Duft“ stark an den Geruch eines Ziegenbocks erinnert. Obwohl ich noch gut riechen kann, habe ich dies bisher (glücklicherweise) nichts gerochen. Die „Riemenzunge“ bezieht sich auf die langen, schmalen Blütenlippen dieser Orchideenart, die an Riemen erinnern. Auf den ersten Blick ist sie eher unscheinbar, „grün halt“, wie ein Freund meinte, was man auch hier im Bild nachvollziehen kann. 

Mitte Mai 2025: die namengebenden Riemenzungen sind deutlich zu erkennen.
Mitte Mai 2025: die namengebenden Riemenzungen sind deutlich zu erkennen.

Aber wenn man näher hinschaut, fallen die bereits angesprochenen langen, gedrehten Blütenlippen auf. Sieht man noch genauer hin, sieht man die weiß-violett-grün gefärbten Blüten, die wirklich faszinierend sind – allerdings sind sie weniger als 8 mm groß, man muss also schon recht nah an die Blütern herangehen. Die Pflanze wird bis zu einem Meter hoch und ihr ca. 30 cm langer Blütenstand trägt im Sommer zahlreiche dieser Blüten. Größe, Blütenmenge und die o.g. Zungen machen die Bocks-Riemenzunge auch zu einem besonderen Blickfang in Trockenrasen und Magerrasenlandschaften, wo sie bevorzugt wächst. Wie hoch sie wird, hängt von vielen Faktoren ab, wie Nährstoffverfügbarkeit und Alter. Jüngere Exemplare sind meist kleiner. Erst im Laufe mehrerer Jahre entwickeln sie ihre volle Größe und Blühfähigkeit.

Ende Mai 2025: auch die Jungpflanzen stehen jetzt fast in voller Blüte.
Ende Mai 2025: auch die Jungpflanzen stehen jetzt fast in voller Blüte.

Im Herbst bildet sich eine Blattrosette. Sie überwintert grün und nutzt milde Phasen zur Fotosynthese, um Energie für das kommende Jahr zu sammeln. Sie ist frostbeständig und ist unterirdisch durch die knolligen Speicherwurzeln geschützt. Mit steigenden Temperaturen beginnt das kräftige Wachstum. Aus der Mitte der Rosette wächst der Blütenschaft. Je nach Witterung beginnt die Orchidee Mitte Mai bis Ende Juni zu blühen. Im Spätsommer entwickeln sich Kapselfrüchte mit sehr feinen, staubartigen Samen. Diese werden vom Wind verbreitet, keimen aber nur in Symbiose mit bestimmten Pilzen (Mykorrhiza). Der oberirdische Teil der Pflanze zieht ein und stirbt ab; unterirdisch verbleibt die Speicherknolle für den nächsten Zyklus.

Zuerst wuchs hier nur eine Orchidee. 2025 fielen mir die an vielen Stellen im "Rasen" verteilten Blätter auf, die so aussehen, wie die "meiner" Orchidee. Damit ich nicht immer drum rum mähen muss, habe ich einige davon ausgegraben und alle nebeneinandergesetzt. Die jüngeren Pflanzen sind deutlich kleiner und blühen auch später.  

Bocks-Riemenzungen in einem Areal voller Habichtskraut
Bocks-Riemenzungen in einem Areal voller Habichtskraut

Februar 2026 habe ich in der Nähe der oben beschriebenen "alteingesessenen" Pflanzen weitere Blätter gesehen, welche wie die der Bocks-Riemenzunge aussahen. Auch die habe ich z.T. ausgegraben und dann etwas näher aneinander gesetzt. Jetzt, Mitte Mai, haben sich daraus >10 Orchideen unterschiedlicher Größe entwickelt, die in einen "Wald" von Habichtskraut eingebettet sind.

Eine der neuen Bocks-Riemenzungen
Eine der neuen Bocks-Riemenzungen

Wie zu erwarten sind die einzelnen Blütenstände noch nicht vollständig entwickelt. Oben sind noch Knospen vorhanden, während die unteren Bereiche bereits mehr oder weniger komplett entwickelt sind. Das hier abgebildete Exemplar ist bereits so groß, wie die älteren Orchideen. 

Kleines Exemplar
Kleines Exemplar

Die meisten der Neuankömmlinge sind kleiner, als die umgebenden Habichtskräuter. Sie haben aber bereits die Merkmale der großen: oben sind noch Knospen, während unten bereits ausgebildete Blüten mit der charakteristischen verlängerten Lippe (genau genommen ist es der mittlere von drei Lappen) zu finden sind.

Das hier abgebildete Exemplar ist knapp 10 cm groß, das oben gezeigte knapp 40 cm. Die älteste Orchidee bei mir ist etwa 45 cm groß und bei ihr sind fast alle Blüten bereits voll ausgebildet.

 Die Bocks-Riemenzunge blüht oft erst nach mehreren Jahren, da sie zunächst Energie in ihre Speicherorgane investieren muss. In manchen Jahren erscheint sie nur als Rosette, ohne zu blühen.

 Die Bocks-Riemenzunge gilt in vielen Regionen als gefährdet, da ihre natürlichen Lebensräume durch Landwirtschaft und Bebauung zurückgehen. Sie steht daher unter Naturschutz und ist ein wichtiger Indikator für artenreiche, extensiv genutzte Standorte.

 Trotz ihres eher unangenehmen Geruchs und des auf den ersten Blick unscheinbaren Erscheinungsbildes ist die Bocks-Riemenzunge ein Paradebeispiel für Vielfalt und Anpassungsfähigkeit der heimischen Orchideenflora – und ein faszinierendes Studienobjekt für Botaniker wie Naturliebhaber gleichermaßen.

 

 

Text und Fotos: Udo Baumfalk

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